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Gruppenregeln:

Regeln wenn es um Freiheit und Abenteuer geht?

 

Die Praxis zeigt immer wieder, daß es ohne solche Regeln nicht geht!

Wo unausgesprochene Erwartungen nicht erfüllt werden, wo vermeidbare Belästigungen und Belastungen die Stimmung trüben, wo Einzelne ihre Kameraden oder gar die ganze Gruppe gefährden, dort ist das Ergebnis der Ausfahrt fest programmiert: FRUST!

 

Vorwort:

Alle Teilnehmer an einer gemeinsamenm Ausfahrt - ganz gleich ob Tagestour oder gemeinsamer Urlaub - müssen sich stets darüber im Klaren sein, daß eine Gruppe von Menschen immer eine Gruppe von Individuen mit ganz unterschiedlichen Stärken und Schwächen, Erfahrungen, Fertigkeiten und Bedenken ist.

Ich selbst fahre zwischen 12.000 bis 18.000 km im Jahr auf meinem Motorrad und unternehme jährlich große Touren zwischen Costa Daurade und Nordkapp, zwischen Isle of Man und deutsch/polnischer Grenze. Ich fahre meine hoch bepackte Maschine ebenso zügig über Pässe in den Alpen und Pyrenäen, wie ich frei von Gepäck durch die Kurven der niederrheinischen Landschaft 'wedel'. Ich fahre gerne leicht über den staatlichen 'V(max)-Empfehlungen', meide aber schlecht kalkulierbare Risiken. Bevor ich auf engen und unsicheren Sträßchen (Schotter, Wald, abschüssig, naß) Umfaller riskiere, ignoriere ich lieber Schilder, die mir die Durchfahrt verbieten wollen. Ich fahre gerne lange Strecken und benötige wenig Pausen.

Das sollte man von mir wissen, wenn man sich einer Gruppe anschließen möchte, die ich führe.

Und ich sollte wissen, was Mitfahrer und Mitreisende NICHT können, welche Erfahrungen ganz und gar fehlen und WAS DEREN MASCHINEN KÖNNEN!

Meine GS unterstützt mich mit einem teilintegralen ABS. Das nutze ich gerne für kräftige Bremsmanöver vor Kurven. An die Tankstelle muß ich nur alle 300 bis 380 km heranfahren. An Zuladung kann ich meiner Maschine 200 kg auflasten. Und Reisegepäck kann ich an viele Stellen sicher mit dem Rahmen der Maschine verbinden. Vollverkleidete Maschinen haben mit Letzterem häufig große Probleme. Tanks mit kleinem Volumen (Chopper sind oft nur für 180 bis 200 km ausgelegt) sind nur dann eine Behinderung, wenn sich das Tanken für die Gruppe nicht mehr planen läßt und zu einem nerven- und zeitraubendem Chaos wird.

Über all diese Dinge kann man - und sollte man ! - vorher reden; zumindest dann, wenn man sich einer von mir geführten Gruppe anschließen will.

 

'Meine' Regeln':

'Meine' Regeln sind Regeln von Männern, die auf und mit ihren Maschinen wesentlich mehr zu leisten vermögen (vermochten) als ich das kann. Bernt Spiegel (Autor: Die obere Hälfte des Motorrads) ist einer von dem ich Einiges übernommen habe. Anderes kam aus verschiedenen Quellen auf meinen Fahrten dazu. Alle Regeln dienen der sicheren und streßfreien gemeinsamen Ausfahrt oder Reise und werden durch die Erfahrungen einiger hundertausend Kilometer auf diversen Motorrädern unterstützt.


A) Zum Start sind alle Teilnehmer pünktlich am vereinbarten Startpunkt.

Schon wieder auf 'Derschon wieder' warten zu müssen - ganz gleich was er/sie zur Entschuldigung anführt, läßt die Ausfahrt/Reise vom Start weg mit schlechter Stimmung und Ablehnung beginnen.

Das hat Folgen zumindest für diesen Tag. Ärger und Frust auf der einen Seite und Schuldgefühle auf der anderen sind Unfallrisiken!

 

B) Zum Start sind alle Maschinen vollgetankt (auf Reisen: gleich betankt).

Unterschiedliche Tankvolumen und Verbräuche führen ohnehin zu unterschiedlichen Reichweiten, die dem 'Tourguide' die Planung sicherer Tankstops abverlangen, die gleichzeitig möglichst wenig Zeit in Anspruch nehmen. Wer mit halbleerem Tank am Treffpunkt aufkreuzt (oder auf Reisen Extratouren fährt, ohne nachzutanken) zwingt den Kameraden Rücksicht auf seine Schlampigkeit auf. Die Folge sind auch hier Ärger und Frust.

 

C) Wenn der erste Tank 'leer' ist, tanken Alle - unabhängig von vorhandenen Reserven. Ausnahmen bestimmt der 'Tourguide'.

Das Tanken nimmt in Gruppen immer größere Zeit in Anspruch als die Summe der Einzelfahrer dafür benötigen würde! Meistens können nicht alle Teilnehmer der Ausfahrt gleichzeitig tanken (Anzahl der Zapfsäulen ist begrenzt, andere Tankkunden belegen Zapfsäulen). Wer seine Maschine betankt hat, neigt zu Schwätzchen, zu einem Schluck aus der Thermoskanne, zu einem Happen aus dem Reisevorrat, zu einem Toilettengang ... Das Recht möchten alle in Anspruch nehmen. Wer seine Maschine außer der Reihe betanken will, provoziert zusätzliche Zwangspausen und damit Ärger und Frust.

Erfahrene Tourguides können unter Umständen die Tankstops extrem kurzer Reichweiten (manche Chopper) mit extrem langen Reichweiten (ausgewiesene Reisemaschinen) so geschickt kombinieren, daß sich die Zeiten für Tankstops minimieren lassen.

 

D) Fahrtziele und Zwischenstops sind bekannt.

Absprachen erfolgen spätestens unmittelbar vor der Tour. Hierzu kommen alle Teilnehmer ausreichend früh vor (!) der Abfahrt zusammen. Heute haben fast alle Maschinen Navigationsgeräte montiert. Das Datenformat GPX wird von allen Geräten unterstützt. Nach Möglichkeit wird allen Teilnehmern die geplante Route mindestens in diesem Format zur Verfügung gestellt.

Achtung: Örtliche Gegebenheiten können zu Abweichungen von der geplanten Route führen!


1) Jeder achtet auf seinen Hintermann.

Sobald der Hintermann nicht mehr im Rückspiegel beobachtet werden kann, wird die Fahrt deutlich verlangsamt.

Bei Richtungsänderungen (Kreuzungen, Abzweigungen) wird solange gut sichtbar auf den Hintermann gewartet, bis sicher ist, daß dieser die Richtungsänderung wahrnimmt und mitmacht.

Gegebenenfalls (z.Bsp. wenn eine Ampel oder Vorfahrtverkehr den Hintermann aufhalten) wird an einer Stelle angehalten, an der dies ohne Gefährdung möglich ist.

Nach 5 Minuten Wartezeit wird dorthin zurück gefahren, wo der Hintermann zuletzt gesehen wurde. Dort wird gewartet, bis auch der vorausfahrende Teil der Gruppe eingetroffen ist.

Achtung: Den Hintermann beobachten bedeutet nicht, alle Aufmerksamkeit auf den Rückspiegel zu lenken. In Kurven und nach einem Richtungswechsel 'verschwindet' der Hintermamnn selbstverständlich aus dem Rückspiegel. Der regelmäßige Blick in den Rückspiegel ist aber (hoffentlich) ohnehin selbstverständlich. Und der gibt ein gutes 'Gefühl' dafür, ob der Hintermann 'noch dran' oder verloren gegangen ist!

 

2) Innerhalb der Gruppe wird nicht überholt.

Jede/r behält den vereinbarten oder zugewiesenen Platz innerhalb der Gruppe. Das stellt sicher, daß jede/r stets auf den gleichen Hintermann Obacht gibt.

Der Gruppenführer weist langsame und/oder unerfahrene Mitglieder der Gruppe an, direkt hinter ihm zu fahren. Damit geben die schwächsten FahrerInnen indirekt das Tempo der Gruppe vor.

Der Gruppenführer weist erfahrene FahrerInnen an, das Ende der Gruppe abzusichern. Diese FahrerInnen müssen schnell fahren können, weil sich am Ende von Gruppen gelegentlich deutlich höhere Geschwindigkeiten einstellen als am Anfang (siehe 3.). Der/die Gruppenletzte muß in der Lage sein, die Vorausfahrenden 'zu schieben', gelegentlich durch Auffahren so viel Druck auszuüben, daß der Anschluß an Vorausfahrende wieder hergestellt wird (siehe 3.).

Der Gruppenführer vereinbart Ausnahmen vom 'Überholverbot'; z.Bsp. um dringende Informationen an ihn abzusetzen.

 

3) Niemand läßt den Kontakt zum Vorausfahrenden abreißen.

Die langsamsten Fahrer und/oder Maschinen fahren vorne. Außer Problemen an der Maschine oder plötzlich auftretenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen gibt es keinen akzeptablen Grund, den Kontakt zum vorausfahrenden Fahrzeug abreißen zu lassen.

Achtung: Den Kontakt abreißen zu lassen hat Folgen für die gesamte Gruppe (siehe 2.). Nachfolgende Bemühungen um Wiederherstellung des Anschlusses erfordern eine erhöhte Geschwindigkeit, die unter Umständen aufgrund örtlicher Gegebenheiten gar nicht gefahren werden kann, oder inakzeptable Risiken für sich selbst und andere birgt. Sich zurückfallen zu lassen, zwingt den 'letzten Mann', zu 'schieben'.

 

4) Sicherheitsabstand einhalten (1/3 Tachostand in Metern).

Zu große Abstände führen zu Problemen wie in 3.) beschrieben. Zu geringe Abstände bergen allseits bekannte Risiken für Leib und Leben das Vorausfahrenden!

 

5) Links-Rechts versetzt fahren.

Das gibt den Mitgliedern Übersicht über die Gruppe. Der Sicherheitsabstand '1/3 Tacho' kann problemlos gefahren werden. Anderen Fahrzeugen, insbesondere PKW, wird es erschwert, die Gruppe 'aufzubrechen'.

In Kurven fährt jede/r seine ganz persönliche Spur und nimmt auf der Straße den Platz ein, der ihm/ihr ein sicheres Gefühl gibt. Direkt nach der Kurve wird wieder die zugewiesene Position im 'Versatz' eingenommen.

 

6) Links + Rechts stehen an Ampeln, Stopstraßen und Kreuzungen.

Damit Gruppen vor allem in Ortschaften nicht auseinander fallen, stellen sich die Mitglieder z. Bsp. an Ampeln in 'Zweierreihen' auf, mit geringem Abstand zu den jeweils vorausfahrenden Maschinen. Sobald die Fahrt frei ist, bemüht sich die Gruppe als Ganzes aus der Anhaltesituation zu kommen. Anschließend werden die vereinarten Plätze in der Gruppe wieder eingenommen.

 

7) Anhaltewünsche.

Nicht dringende Anhaltewünsche (z.Bsp. für Photos) werden durch das Einschalten des rechten Blinkers signalisiert. Alle Vorausfahrenden geben dieses Signal unverzüglich nach vorne weiter!

Bei dringendem Anhaltewunsch (Problem mit der Maschine, der Ausrüstung oder persönlich) wird den örtlichen Gegenheiten entsprechend an einer möglichst für Alle (!) sicheren Stelle angehalten.

Notstops werden unter Berücksichtigung des Verkehrs und mit gesetztem Warnblinker sofort ausgeführt.


Nachsatz:

Grundsätzlich betrachte ich jeden Verstoß gegen diese Regeln als unsportlich und unkameradschaftlich. Vor allem Verstöße gegen die Regeln 2 und 3 sind nicht selten Ursache für Unfälle bei Ausfahrten, bei denen leider viel zu oft nicht die Verursacher von den Folgen betroffen sind, sondern verunsicherte Gruppenmitglieder die sich an die Regeln gehalten haben und von dem unkameradschaftlichen Verhalten eines Einzelnen irritiert waren.

Selbstverständlich lassen sich ALLE Regeln aufweichen, ausweiten, ganz aufheben. Auf meiner jüngsten Fahrt zum Nordkapp, hoch im Norden Europas, bei einer 'Verkehrsdichte', die der einer deutschen Großstadt um 03:30 Uhr entspricht, war es kein Problem, wenn Einzelne angehalten haben, um mal eben ein Photo von einer wundervollen Landschaft zu schießen. Nachdem dies abgesprochen war, konnte sich jeder in der Gruppe sicher sein, daß man sich auf den nächsten 200 km (nächste Tankstelle) mangels asphaltierter Abzweige ziemlich sicher nicht verpassen würde. Dort war es auch kein Problem, innerhalb der ohnehin kleinen Gruppe die Position zu wechseln, gelegentlich Zwischenspurts auf 'sportlichen' Abschnitten zu fahren und einfach 'erweiterten' Spaß auf der Straße zu haben.

In unseren Breiten mitten in Europa sind aber andere Verkehrsverhältnisse und eine andere Bebauung üblich! Und diese erfordern die Einhaltung der hier aufgeführten und wohl begründeten Regeln. Wir wollen alle Spaß haben, als Kameraden auch in den Pausen gut miteinander aus kommen und am Abend sicher zuhause oder im Tagesziel ankommen!

Uns allen eine gute Fahrt!

Friederich Prinz,
Juni 2014