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Die letzte Grubenfahrt ...

... ist immer etwas ganz besonderes für den Bergmann.

Meist wird darum ein großes Aufheben gemacht, mit Überraschungen auf dem Weg und mit einem mehr oder weniger großen Gelage am Tage.

 

Ich habe für mich eine ruhige letzte Fahrt erbeten - und bekommen. Friedrich Heinrich (heute Bergwerk West) war meine "Heimatzeche" bei meinem Eintritt als Mitarbeiter in die Ruhrkohle Niederrhein AG. Auf Friedrich Heinrich (Zeche Beispiel; Eingeweihte kennen das) habe ich mich sehr wohl gefühlt. Auf Friedrich Heinrich wollte ich zum letzten Mal einfahren, nur begleitet von meinen "Kleeblättern" Ralf und Jürgen. Jürgen hat bereits vor 5 Jahren seinen Dienst auf Friedrich Heinrich als Steiger in der Ausbauabteilung quittieren müssen. Ralf wird in der Stabsstelle seinem Werksleiter bis Ende 2013 helfen, das Bergwerk zu schließen und fach- und sachgerecht an die nachfolgenden Verwerter der Grundstücke und Anlagen zu übergeben.

Im Bahnhof vor dem Baufeld Albert ...

Die Grubengebäude unserer Bergwerke sind groß! Die tatsächlich im Zugriff befindlichen Flächen machen in der Regel 100 bis 200 Quadratkilometer aus. Unter diesen Flächen arbeiten "wandernde Fabriken", denen eine Infrastruktur zur Verfügung steht, die sich mit der von Städten vergleichen kann. Bahnhöfe und Bahnstrecken, Hängebahnen wie in Wuppertal (etwas kleiner dimensioniert), ein Stromversorgungsnetz teilweise mit 15 kV Leitungen, Ver- und Entsorgungsleitungen für Frischwasser, ein Druckluftnetz (Arbeitsdruckluft) und ein ausgeklügeltes Wetterführungsnetz, das zu jeder Zeit sicher stellt, daß an jedem Ort in der Grube immer ausreichend frische Wetter (Frischluft) zur Verfügung stehen, um Sauerstoffversorgung, Kühlung der Umgebung und Verdünnung schädlicher Gase zu gewährleisten. Züge fahren nach Fahrplänen und sind im Gegensatz zur Bahn zu jeder Jahreszeit pünktlich. Auf viele Kilometer langen Fördergurten werden Kohle und Gestein zu den Schächten befördert.

Diese unterirdischen Städte existieren aber nicht nur in der Fläche, sondern dreidimensional! Wir arbeiten auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig. Kohlenqualitäten, Kompensationsbetriebe (Sicherung gegen Produktionsausfall) und einfach die Entwicklung der Bergwerke in immer größere Tiefen erzwingen diese "mehrstöckigen" Städte.

Und diese besondere Welt, die viele Jahre auch "meine" Welt war, kann niemand betreten, den wir, die Bergleute, nicht mit dorthin nehmen!

Wir haben meine letzte Grubenfahrt mit einer Bahnfahrt von etwa 7 km begonnen, um dann rund 5 km weit ein Baufeld zu umrunden, in dem eben an diesem Tag der letzte Streb als ausgekohlt und gesichert abgemeldet wurde.

Nach der Bahnfahrt wird erst eine Prise genommen ...

Ist das immer noch Allgemeinwissen, daß man aus Kohle Benzin machen kann? Im zweiten Weltkrieg wurden in Moers (heute Sasol Chemie) die Treibstoffbedarfe der Luftwaffe durch die Kohlenförderung der umgebenden Bergwerke ergänzt. Heute läßt sich das "Kohlebenzin" sauberer, billiger, sicherer und in größeren Mengen herstellen als damals. Leider wollen Politik und Climatologisten das zur Zeit nicht erlauben.

Die von Hausfrauen gelegentlich als "Schnittmuster für Kleider" erkannten Grubenrisse zeigen den Fachleuten in der ganzen Welt, unter welchen besonderen Bedingungen wir in Deutschland Kohlen abbauen. Höhensprünge großer Gebirgspakete, Längsverschiebungen großer Gebirgsmassen und dazwischen Berge und Täler. Daraus resultieren Spannungen im Gebirge, die nur sehr schwer zu beherrschen sind. Wir können das. Wir arbeiten in der tektonisch am stärksten beanspruchten Kohlenlagerstätte der Welt. Und in dieser Lagerstätte kennen wir uns aus! Wir wissen für einen kleineren, sorgfältig explorierten Teil des Ruhrkarbons heute sehr genau, wo in welcher Tiefe welche Kohlenqualität und -menge liegt und könnten die Kohlenförderung in Deutschland allein auf dieser kleinen Vorschau für die nächsten 400 Jahre garantieren!

Eines muß aber jedermann in diesem Lande klar sein: Mit jedem schließenden Bergwerk verlieren wir einen teuren und nur aufwendig herstellbaren Zugriff auf die Lagerstätte. Das sind über viele Jahrzehnte hinweg subventionierte Zugriffsmöglichkeiten, die wir (die Gesellschaft der BRD) heute ebenso leichtfertig wie endgültig zerstören. Und wenn wir 2018 mit dem Bergwerk Prosper das letzte deutsche Steinkohlenbergwerk schließen, entlassen wir die letzten, dann schon länger "vorruhestandsfähigen" Bergleute nachhause. 10 Jahre später steht uns in Deutschland das Wissen und die Erfahrung dieser Männer nicht mehr zur Verfügung. Ab 2019 fördert und verarbeitet die ganze Welt Steinkohle - außer jenen, "die das erfunden haben". Nüchtern betrachtet kann man das nur als "ziemlich dämlich" ansehen.

Auf dem Höhenabzweig zum Flöz Albert

"Unsere" Bergwerke sind immer noch Steinkohlenbergwerke; schmutzig, manchmal sehr laut, manchmal absolut still. Die Gruben scheinen zu leben, wie Organismen, wachsen an einer Stelle, um an einer anderen abzusterben. Die Strecken arbeiten unter dem sie umgebenden Gebirgsdruck und verformen sich. Auch der leistungsfähigste Stahlausbau der Welt kann dieses "Leben" nicht aufhalten. Das ist überall auf der Welt so.

Internetcafé, Ausführung "micro"

Anders sind bei uns neben besonders leistungsstarken Ausbausystemen die vielen Einrichtungen zur Arbeitssicherheit, zur Kommunikation und Information. Bezeichnend dafür sind kleine Kommunikationsstationen mit Telephon und PC. Hier lassen sich telephonisch oder über das Intranet des Unternehmens Informationen abfragen, Daten weitergeben, fachliche Unterstützung einholen. Zu einzelnen Betrieben lassen sich Leistungsdaten und - gegebenenfalls - Störungsinformationen abfragen. Selbstverständlich sind auch Zugriffe auf das Internet von hier aus möglich.

Solche Arbeitsplätze auch weit weg vom Schacht, draußen im Feld, sind für die Bergleute in der deutschen Steinkohle längst eine unverzichtbare, technische Normalität. Und auch darum beneiden uns die Kollegen in aller Welt, weil die hier erprobte grubentaugliche IT-Infrastruktur gleichzeitig die technische Voraussetzung für die Automatisierung der Betriebe ist. Wir haben dazu heute einen technischen Stand erreicht, der vor 20 Jahren noch Science Fiction war! Dazu kommen Bergleute aus China, aus Mexico, aus Australien, aus der Ukraine und Rußland und auch aus der Türkei zu uns, um von uns zu lernen.

Bald können wir ihnen nur noch beibringen, wie man Bergwerke schließt - und auch das nur kurze Zeit ...

 

Begutachtung einer "Lösehilfe"

Die Innovationsfreude der Bergleute ist nicht zu stoppen. Das liegt sicher vor allem daran, daß es, wie ein altes Sprichwort sagt, vor der Hacke duster ist. Man weiß nie was kommt. Wo man aufgrund von Exploration besondere Schwierigkeiten erwartet, zeigt sich in der Auffahrung und später im Abbau das Gebirge manchmal als gutmütig, stabil und verläßlich. Und wenn man meint, genau zu wissen, was in der Ortsbrust vor einem liegt, zeigt der nächste Abschlag den Anfang einer Krise, deren Bewältigung mitunter Wochen kostet. Darum entwickeln wir unsere Bergwerke nicht nur insgesamt immer weiter in Richtung einer weitgehenden Automatisierung. Auch unser Vorschlagswesen läuft nach wie vor monatlich über von vielen großen und kleinen Ideen, die vor allem die manuelle Arbeit immer noch ein Stück weiter erleichtern und sicherer machen. Ein solches Werkzeug, von Ralf entwickelt, haben wir uns noch schnell angeschaut, bevor wir auf die Wanderung rund um das Baufeld 452/453 gegangen sind.

Wir sind einen steilen Berg herunter gegangen und durch eine alte Basis, in der Konvergenzen und gebunkerte Berge den Querschnitt verengen. Am Ende der Basis habe ich mir das "Grab" einer Teilschnittmaschine angesehen, die auf dem Bergwerk West regelrecht abgearbeitet wurde und heute sozusagen karbonisiert wird. Auf dem Rückweg kamen wir am Hauptantrieb der Bauhöhe 453 vorbei. Ein Blick in den Streb hat uns gezeigt, daß er vollständig für die anstehenden Raubarbeiten vorbereitet ist. Der Kohlenstoß ist mit Holzstempeln gesichert, auf den Schildkappen liegt eine Mattenlage, zum Schutz vor Steinfall, wenn die mächtigen Schilde demnächst geraubt und zum Tage gebracht werden. Der Reviersteiger dieses Betriebes hat just an diesem Tag seine letzte Schicht verfahren. Wir begegnen ihm etwas später am Eingang der Kopfstrecke, wo er mit seiner Mannschaft Abschied von seinem letzten Betrieb nimmt. Wir wünschen einander ein gutes Gelingen für den Ruhestand.

Nachher, in der Kaue, schaffe ich es noch, mit dem Mobiltelephon ein Porträtphoto von mir aufzunehmen. Dem sieht man an, daß ich in der Kohle war. Noch ein Kaffee bei Ralf im Büro, dann ein Mittagessen mit den Kleeblättern in einem guten Restaurant "auf dem Lande". Das war meine letzte Grubenfahrt. Eine Arbeitswoche liegt noch vor mir. Freuen kann ich mich auf den Vorruhestand nicht.

Grüß Gott und Glückauf
Friederich Prinz
November 2012