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Ein Jahr nach dem Ausstieg ...

Einfach war das nicht, den Kontakt zu Menschen aufzugeben, von denen mir einige (wenige) lieb geworden waren. Aber ich hatte mich ohnehin keinen Illusionen hingegeben. Ich habe im Erleben vieler beruflicher Abschiede gelernt, daß die Hälfte der ehemaligen KollegInnen bereits nach einem halben Jahr den Namen des Ausgeschiedenen nicht mehr spontan erinnert. Die Zahl der sich Erinnernden sinkt danach exponentiell.

Einfach war es auch nicht, das Gefühl mit der Arbeit noch nicht fertig zu sein, solange zu zulassen bis es von selbst im Dunkel der beruflichen Geschichte verschwindet. Ich trage auch ein Jahr nach meinem Ausscheiden noch an dem Gedanken, daß ich mehr hätte tun können, daß ich nicht restlos aufgeräumt habe, das Unerledigtes in meinem Wirkungskreis herumliegt.

Umso mehr freut mich der sporadische aber wohltuende Kontakt mit Wenigen, die mir von sich erzählen und sich aufrichtig nach meinem Befinden erkundigen. Für diese Kontakte bin ich dankbar.

Ich habe ein anregendes, spannendes Jahr erlebt, angefüllt mit faszinierenden Begegnungen, mit herrlichen Reisen, mit der Wiederaufnahme lange entbehrter Hobbys und mit viel Arbeit. Der Bergmann muß sein Gezähe ruhen lassen, zumindest im deutschen Bergbau. Aber der Zimmermann darf noch Säge, Beil und Stecheisen schärfen und sich an gelungenen Werken freuen. Das erste Jahr im Vorruhestand war schön!

In meinem Bücherregal liegt ein Stapel Bücher für die mir lange die notwendige Zeit gefehlt hat. Diesen Stapel konnte ich im langen und kalten Winter '12/'13 mehr als halbieren. Eine handvoll weiterer Exemplare ist dazu gekommen. Der Lesestoff wird mir so wenig ausgehen, wie die Lust auf Lernen. Die Philosophie fesselt mich schon lange, insbesondere darin die Fragen nach dem, was Wissenschaft zu leisten vermag und wo sie über ihre selbst auferlegte Beschränktheit hinausdenken kann. Aber auch Erzählungen, Ansichten und Einsichten in fernöstliche Kulturkreise fesseln mich. Kin Ping Meh und Lin Yutans Schriften sind ein Genuß. Bald ist wieder Winter. Neben den Vorbereitungen für die Reisen in 2014 werde ich dann vor allem wieder mit meinen Büchern beschäftigt sein - und mit meiner Gitarre.

 

 

Ich habe als junger Mensch gerne und viel auf der Gitarre gespielt. Das ist eine Leidenschaft, die tägliche Übung braucht; Zeit, die ich in meinem Arbeitsleben lange nicht hatte. Ich habe mir eine neue Gitarre zugelegt, ein schönes Instrument mit vollem Klang. Darauf übe ich oft täglich, unterbrochen durch meine Reisen. Die Zeit, die ich benötigen werde um wieder so souverän zu spielen wie vor 35 Jahren, habe ich weit unterschätzt. Das ist nicht schlimm. Ich habe genug Zeit für Übungen und Erfolgserlebnisse, die sich nach und nach wieder einstellen.

 

 

Vor meiner bergmännischen Laufbahn war ich bereits im Handwerk erfolgreich, als Zimmerman und Betonbaumeister. Diese Arbeit hat mir ebenfalls großen Spaß gemacht. Noch einmal einen anspruchsvollen Dachstuhl abzubinden und zu richten, vielleicht für einen meiner Neffen, ist noch immer ein Traum, den ich mir gerne vorlege. Einstweilen freue ich mich, wenn ich kleinere Arbeiten dieser Art für meine Freunde erledigen darf.

Ralf wollte einen Unterstand für Fahrräder und den Roller der Tochter im Garten haben. Wir hatten beim Bier verabredet, daß ich ihm eine richtige Remise baue, stabil, ganz aus Holz und ohne einen einzigen Nagel aus Metall zu verarbeiten. Dazu hatte ich Zeichnungen und einfache Berechnungen zur Tragkraft der Balken und Verbindungen angefertigt. Der lange Winter hat Zeit genug geboten, um verschiedene Ausführungsvarianten zu planen. Kaum war der Winter vorüber, fiel meinem Kleeblatt Jürgen ein, daß auf dem elterlichen Bauernhof seit vielen Jahren Balken unterschiedlicher Abmessungen trocken lagern. Damit waren meine Planungen vollständig obsolet. Als ich in Ralfs Garten mit der Arbeit begann, habe ich faktisch jedes Holz und jede Verbindung "aus dem Kopf" erstellt. Das Ergebnis konnte sich am Ende trotzdem sehen lassen.

Jeder Schnitt, jedes Loch und jeder Zapfen ist Handarbeit,
alte, deutsche Zimmererkunst.

Ohne Plan, mit Liebe zum Holz, am Ende mit einem zufriedenen Meister.

Wenig später ist endlich Frühling und auch ein Dach auf der Remise.

Ergänzung:

Für das 'Eindecken' des Dachs haben wir ein ganzes Jahr verstreichen lassen. Ein Jahr lang lag nur nur eine provisorische Teerbahn auf dem Holz. Anfang April '14 hat Ralf (jetzt auch im Vorruhestand) endlich die Zeit gefunden, das erforderliche Material zu beschaffen. Das Ergebnis kann sich, wie immer, sehen lassen. Außer an der 'Frische' des Materials läßt sich kein Übergang zwischen neuem und altem Dach erkennen :-)

 

Ein neues, großes Hobby beginnt ein Eigenleben zu entwickeln. Das ist das Segeln auf Fahrtenyachten und kleineren Segelbooten. Ich bin so gerne auf dem Wasser, wie ich gerne auf dem Motorrad sitze. Die erforderlichen Bootsführerscheine standen schon eine längere Zeit auf der Wunschliste. Den SBF See habe ich jetzt! Ich darf draußen vor der Küste alles fahren was schwimmt - solange ich das nicht gewerblich tue. Flugzeugträger wird mir niemand leihweise und nur zum Spaß überlassen, aber Sportboote darf ich auch dann fahren, wenn diese früher einmal auf dem Rhein als Kohlenkahn gedient haben. Jetzt arbeite ich am "See- und Küsten Schifferschein". Der "große Segelschein" ist eine freiwillige Qualifikation (wie alle Segelscheine), die aber ihrerseits die Voraussetzung für darauf aufbauende Qualifikationen ist. Und da gibt es viel Spannendes zu erarbeiten! Die Astronavigation ist eines der Gebiete, an denen ich großes Interesse habe, ebenso wie das Segeln auf alten Großseglern. Da ist vielleicht mehr zu tun als mir noch Zeit zum Lernen bleibt.

Alles Lernen taugt wenig, wenn es die graue Theorie nicht hinter sich läßt. Darum nehme ich, wann immer mir das möglich ist, gerne die Einladungen meines Cousins an, mit ihm auf einem seiner Boote zu fahren. Die Seahorse ist 12 m lang und liegt etwas südlich von Barcelona im Mittelmeer. Die October liegt auf der Maas und bietet mit ihren 8,2 m und 3 Kojen einen schnellen Freizeitspaß auf Tagesausflügen an den Fluß.

Die ersten Fahrten haben wir Ende Februar bis Anfang März '13 vor Barcelona unternommen. Wir waren in einer kleinen Gruppe unterwegs und haben uns neben den Segeltörns mit Landausflügen, Hafenbars und Nachmittagen auf dem Bouleplatz vergnügt.

Auf der Seahorse vor Vilanova i la Geltru. Es geht mir gut.

Mit der October haben Helmut und ich mit wechselnden Crews mehrere Tagestörns unternommen. Das war immer spaßig und für mich lehrreich. Auf einem Fluß mit Berufsschiffahrt zu segeln ist anspruchsvoll. Ein besonderes Erlebnis war aber, die Maas hinunter zu fahren, von ihrem Liegeplatz bei Grave bis an die Nordseee, auf das "Grevelinger Meer". Drei Tage auf der Maas haben mich die meisten Segelmanöver sehr intensiv üben lassen. Ich freue mich, auf die demnächst anstehenden Prüfungen zum "SKS".

 

Neben dem Motorradfahren ist das Schwimmen eine sportliche Leidenschaft, die aus der Jugend geblieben ist. Für das Schwimmen war in den letzten 25 Jahren nur noch im Urlaub Zeit, im Meer, eine Viertelstunde; höchstens. Ich bin aber "Langstreckenschwimmer", schwimme ungern unter einer Stunde. Und das kann ich jetzt wieder tun! Einige Bäder bieten frühen Schwimmern ihr Wasser schon ab 06:00 Uhr an. Das habe ich in diesem Jahr reichlich genutzt.

Das Schwimmen muß hinter dem Segeln und den großen Motorradtouren zurück stehen, auch wenn ich dem gelegentlich trotze. Auf den Lofoten hat mich der Versuch im eiskalten Nordmeer zu schwimmen, einen halben Tag im Krankenhaus gekostet, wo ich mir die Reste eines Seeigels aus einem Zeh herausschneiden lassen mußte. Aber ich konnte die Reise mit dem Motorrad fortsetzen.

Und diese große Leidenschaft, das Motorrad, hat mich durch das zurückliegende Jahr getragen. Dabei geht mir nach wie vor der Traum im Kopf herum, eine kleine Motorradwerkstatt aufzubauen, gemeinsam mit den Kleeblättern. Das muß sich nur selbst tragen, profitfrei, uns Gelegenheit geben, unser Wissen und unsere Erfahrung an Solche weiter zu geben, die ihre Maschinen selbst warten oder reparieren wollen, sich aber nicht an die komplexe Technik moderner Motorräder herantrauen. Jürgen und ich führen bereits Arbeiten durch, die selbst BMW Werkstätten extern vergeben. Wir suchen noch einen angemessenen Werkstattraum, in dem wir diesen Traum leben können. Ich bin auch da zuversichtlich.

 

Selbstverständlich bleibe ich dem Bergbau, vor allem dem Steinkohlenbergbau, eng verbunden. In vielen Diskussionen mit Menschen die ernsthaft an anderen, erfolgversprechenderen Wegen der Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaft interessiert sind, weise ich immer wieder auf die Wichtigkeit der Urproduktion hin, vor allem auf die Kohle, die der einzige nennenswerte Schatz unseres Landes ist. Das wird das Ende der Deutschen Steinkohle nicht verzögern und einen Neuanfang nicht alsbald nach sich ziehen. Ich gäbe trotzdem viel darum, wenn ich in dem einen oder anderem Kopf etwas veränderte, denn ändern muß sich Vieles in unserem Land.

Daß sich in den deutschen Steinkohlezechen gegenüber landläufigen Annahmen ungeheuer viel in Richung "Hightech" verändert hat, konnte ich vor wenigen Tagen, fast genau ein Jahr nach der letzten Grubenfahrt meines Berufslebens, Helmut und Angelika zeigen.

Im BW Prosper Haniel haben wir einen Walzenbetrieb befahren. Was in den Beiden die dauerhaftesten Eindrücke hinterlassen hat, werden sie mir in den nächsten Wochen und Monaten sicher erzählen; sobald sie die anregende und spannende Grubenfahrt verarbeitet haben. Der Spannungsbogen zwischen modernster Technik und dem trotzdem erforderlichen bergmännisch handwerklichen Geschick hat ganz sicher einen tiefen Eindruck hinterlassen. Angelika hat unter anderem unsere Werkzeuge bestaunt, von denen selbst unsere "Spielzeuge" (kleiner pneumatischer Hammer des Schlossers) für Sie wahre Ungetüme sind. Angelika ist Ärztin und arbeitet als Neurochirurgin mit mikroskopischen Werkzeugen. Das findet dann allerdings wieder das Interesse des technikbegeisterten Bergmanns.

 

Allmählich verblassen mir die Gesichter der Männer und (wenigen) Frauen, die ich 'zurücklassen' mußte. Nur etwa eine handvoll Menschen, die mir zu meinem Abschiedsessen ein Gruppenbild von sich geschenkt haben, bleiben noch lebendig in mir. Dieses Photo sehe ich jedes Mal wenn ich mein Arbeitszimmer verlasse oder die Gitarre in ihren Ständer stelle. Nur der kleinere Teil dieser Gruppe hält noch gelegentlichen Kontakt mit mir. Sei's drum: Ich hätte heute gar keine Zeit für den regelmäßigen Gang in das Büro. Meine Tage sind angefüllt mit "Sport, Spiel, Spannung", mit anregenden Begegnungen und auch mit dem guten Gefühl, dem einen oder anderen Strolch einfach nicht mehr begegnen zu müssen. Und gerade in diesem Augenblick, in dem ich diese Zeilen schreibe, bereite ich mich auf den nächsten Segeltörn vor, der uns zu den Balearen und zurück bringen soll. Es geht mir gut. Und davon sage ich gerne, daß ich DAS der Deutschen Steinkohle verdanke!

Grüß Gott und Glückauf
Friederich Prinz
November 2013