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Bilder aus dem Berufsleben (Bergbau)

Ich habe viele Bilder im Kopf, etwas weniger "im Herzen" und eine größere Anzahl auf der Festplatte. Im Laufe eines Jahres entstehen immer wieder mal Photos auf der Arbeit. Die meisten davon schmeiße ich weg. Einige Photos halte ich aus technischem Interesse fest. Ganz wenige Photos verknüpfe ich im Kopf und "mit dem Bauch" mit angenehmen Erlebnissen. Aus dieser Menge stelle ich hier einige Photos vor.

2010, eine Versammlung der AT-Angestellten meiner damaligen Werksdirektion auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Ewald in Herten: So sehen wir, die Bergleute im Ruhrgebiet, uns heute - der Spannungsbogen zwischen der immer noch harten, bergmännischen Arbeit unter Tage und der Moderne, in der unsere Frauen gerne auch einmal als deftige Kalendergirls zur Verfügung stehen, ist aufregend, heiß, kraftvoll, lebendig und wunderschön.

Die Ruinen und Brachen, die wir auf den Geländen der viel zu früh aufgegebenen Bergwerke (Vorräte: 400 Jahre ab Heute !) zurücklassen müssen, machen gelegentlich traurig, immer nachdenklich und oft sehr wütend auf diese ungeheuere Verschwendung. Wir, die Menschen der BRD, werden diese Vorräte bitter brauchen, wenn der pseudoreligiöse Wahnsinn des ökologischen Glaubenskrieges eines nahen Tages unter der Last der Fakten vergeht. Neue Zugriffe auf die vorhandenen Lagerstätten zu schaffen., wird dann furchtbar teuer werden. Schlimmer wird sein, daß es dann hier bei uns niemanden mehr geben wird, der diese Zugriffe schaffen kann. Mit uns Bergleuten stirbt ein nicht ersetzbares KnowHow!

Wir führen unsere Bergwerke seit vielen Jahren prozeßorientiert, unterstützt durch moderne IT, an vielen Stellen automatisiert und mit dem Ziel, an jedem einzelnen Tag immer noch ein Stückchen besser zu werden. Unsere Erfahrungen und Erkenntnisse sind an den Hochschulen sehr gefragt. Wir geben diesen Schatz seit jeher gerne und regelmäßig an die uns Nachfolgenden weiter (Photos: TU Clausthal, 2007, Bohr- und Sprengtechnisches Kolloquium, Vortrag zur Standardisierung von Bohrwerkzeugen- und Equipments, sowie zu den Vorbereitungen der Automatisierung eines Bohrwagens).

Das KnowHow deutscher Steinkohlenbergleute ist weltweit gefragt. Auch deutscher Maschinenbau für den Steinkohlentiefbau genießt weltweites Interesse. Heute, in der Auslaufphase des deutschen Steinkohlenbergbaus, kommen Kollegen aus allen Kontinenten, um gebrauchte, aber noch einsatzfähige Ausrüstung der RAG aufzukaufen, und diese später mit unserer Hilfe in den eigenen Betrieben einzusetzen.

Das Photo zeigt Mitglieder der Delegation eines türkischen Bergbauunternehmens, das sich auf dem BW Saar (Jan. 2012, Nordschacht) eben solche Equipments "ausgesucht" hat. Im Vordergrund kniet neben mir ein türkischer Kollege der "Mining Solutions", einer Tochter der RAG, die unsere gebrauchte und überzählige Ausrüstung, Ersatzteile und Materialien vermarktet. Begleitet werden wir dabei von dem Produktionsdirektor des Bergwerkes Saar und einigen seiner Mitarbeiter.

In meiner letzten Aufgabe, technische und organisatorische Unterstützung und Beratung der KollegInnen in der Mining Solutions, war ich oft einer der letzten Männer, die sich auf den geschlossenen Bergwerken umgetan haben. Dabei sind mitunter (mich) anrührende Stilleben des Verfalls entstanden. Auf dem Bergwerk Walsum habe ich im Juni 2010 folgende Photos aufgenommen.

Die Mannschaftskaue war noch wenige Monate zuvor ein Ort voller Leben. Hier haben die Hauer sich umgezogen, die letzte Zigarette vor der Schicht und die erste danach geraucht, dabei ein Schwätzchen gehalten über König Fußball, die Kinder, die Frauen, das neue Auto ... Jetzt ist hier alles tot und still. Die Hl. Barbara hat jemand von der Wand genommen, dann aber stehen lassen. Vielleicht sollte das mannshohe Bildnis einen heimischen Partyraum schmücken und mußte auf der Zeche bleiben, weil der Transport im PKW nicht möglich war ...

Eine der vielen Grubenfahrten die ich als Verantwortlicher für die Vorleistungstechnik des Unternehmens (Gruppenleiter Vorleistung der zentralen technischen Dienststelle im Konzern) unternommen habe, ist vor allem wegen des nachfolgenden Photos im Gedächtnis geblieben. Im April 2007 habe ich mit zwei Kollegen des BW WS Strecken befahren, in denen eine ganz besondere Teilschnittmaschine zum Einsatz gekommen war.

Zwei der Männer auf dem Photo haben die "Niederrheinische Bergschule zu Moers" (damals die Bergfachschule der WBK [Westfälische Berggewerkschaftskasse]) gleichzeitig mit mir besucht. Einer davon ist heute Bereichsleiter der Arbeitssicherheit des Bergwerkes West (ehemals Friedrich Heinrich) in Kamp-Lintfort. Der Andere ist heute dort der stellvertretende Stabsstellenleiter und wird seinem Werksleiter helfen, in 2013 das Bergwerk zu schließen. Ich bin der dicke Mann mit dem schwarzen Gesicht links im Bild. Damals hatte ich rund 20 kg mehr auf den Rippen als heute, in 2012. Und der Kohlendreck heftet sich grundsätzlich mit der dicksten Schicht an mich. Ich kann einfach nicht sauber bleiben.

Ein anderes auf dem BW WS aufgenommenes Photo zeigt drei der jungen KollegInnen, die mir bei der Arbeit mit der Mining Solutions einfach große Freude bereitet haben. Links ein junger Kaufmann, der an diesem Tag seine erste Grubenfahrt überhaupt unternommen hat, in der Mitte ein junger Geologe und rechts eine Ingenieurgeologin, die sich in meinem Unternehmen einen Namen als Fachfrau gemacht hat. Mit ihr sind für mich Frauen in meiner Arbeitswelt aufgetaucht. Viele gibt es davon nicht. Dreck, schwülwarmes Wetter, rauhe Arbeitsbedingungen und die mitunter nicht ganz einfach zu handhabenden Bergleute sind für die meisten jungen Männer ein Graus; für junge Frauen erst recht. Diese junge Frau hat sich unter uns in "meiner" Welt behauptet und nicht nur meinen Respekt, Anerkennung und Zuneigung gewonnen. Sie genießt heute die Anerkennung ausgewiesener Fachkräfte im Bereich der Gebirgsmechanik und hat sich auf diesem Feld einen Sachverständigenstatus der zuständigen Bezirksregierung (obere behördliche Bergaufsicht) erarbeitet.

Die Begegnung mit diesen jungen Menschen macht mir ein besonderes Spannungsfeld bewußt, das es so "früher" nicht in meiner Branche gab. Daß heute auch Frauen die bisher von uns eifersüchtig gehüteten "Geheimwissenschaften" in der Bergtechnik, also im richtigen Umgang mit dem Gebirge beherrschen, ist ein Symptom dafür, daß wir uns selbst nicht mehr zu helfen wissen. Der Steinkohlenbergbau soll (und wird) in Deutschland sterben. Das ist politisch so gewollt. Der entsprechende Prozeß dauert nun schon - mit zwei politisch beauftragten Unterbrechungen - seit 1969. Junge Menschen werden rarer und rarer im Unternehmen. Das gilt vor allem für junge Ingenieure. Wenige, aus meiner Sicht sehr junge, hochqualifizierte Menschen tun sich mit alten Bergleuten zusammen und schaffen Großartiges. Das von uns Alten in der Praxis übergebene "KnowHow" dieser besonderen jungen Menschen gilt in der ganzen Welt als einzigartig und wertvoll. Ich bin dankbar, daß ich diese Drei und eine handvoll Andere kennenlernen durfte.

Ich bin auch dankbar dafür, daß ich den Spannungsbogen zwischen neu und alt, zwischen Automatisierung und Fernüberwachung auf der einen und Dampfmaschinen auf der anderen Seite bis zum Schluß erleben und auskosten durfte.

Auf der Anlage Duhamel des Bergwerks Saar, in Ensdorf, direkt an der Saar, arbeiten noch zwei Dampfmaschinen als Fördermaschinen. Anfang Oktober '12 hatte ich im Rahmen einer Befahrung der dortigen Lagerplätze noch einmal die Gelegenheit, den Maschinen beim Seiltreiben zusehen zu dürfen. Ich erlebe soetwas als grandios. Die Maschinen aus dem Jahr 1918 arbeiten vermutlich, wenn man sie läßt, auch in 100 Jahren noch einwandfrei (Schächte bleiben zur Wasserhaltung offen). Ich bin begeistert. Wo jung und alt gemeinsam wirken, wo man gemeinsam an jeweils richtiger Stelle bewahrt oder aufläßt, wo gemeinsam Neues entwickelt und Altes genutzt wird, dort kann nur großartige Zukunft entstehen - es sei denn, die Politik mischt sich ein ...

Diese beiden jungen Damen haben mein Herz durch einen ganz besonderen "Dienst" dauerhaft erobert. Ich hatte 2011 anläßlich der Bergbaumesse in Kattowitz die Gelegenheit, mich nach der Grube umzusehen, in die mein Großvater mütterlicherseits vor und während des 2. Weltkrieges als Hauer eingefahren ist. Das Bergwerk Biskupitze, damals Borsigwerke, hätte ich ohne die beiden Kolleginnen nicht gefunden. Die Sprachbarriere hätte es mir unmöglich gemacht, die von 65 Jahren wechselhafter Geschichte und Eigner verwischten Spuren aufzudecken. Ihre während der Messe nahezu nicht vorhandene Freizeit haben Bozena und Kinga geopfert, um mich nach Biskupitze zu führen, wo ich einige Photos der Schachtanlage "Hedwig Wunsch" aufnehmen konnte. Bozena, im weißen Kleid, ist eine Master Geologin und lernt schneller als jeder andere Mensch den ich kenne. Kinga hat Managament studiert. Das Ordnen, Organisieren, Führen liegt ihr offensichtlich im Blut. Auch diesen Beiden begegnet zu sein, macht mich dankbar.

Der Namenspatronin von Kinga bin ich allerdings bereits 2,5 Jahre zuvor begegnet:

Anläßlich einer Fachtagung der Bereichsleiter Aus- und Vorrichtung der RAG Bergwerke war ich schon Ende Januar 2009 in Kattowitz und Krakau. Ein Abstecher nach Wieliczka hat mir eine große Sammlung wunderschöner Photos beschert, die schönste Grubenfahrt meines Lebens tief in meine Erinnerungen eingebrannt und mich unter Tage in die Kapelle der Heiligen Kinga geführt.

Hinter mir steht auf einem Holzverhau die Statue der Heiligen. Alles andere um mich herum ist Salz (NaCl), einschließlich der "Fliesen" auf denen ich stehe. Behauen, gebrochen, gesägt, poliert - das Salzbergwerk Wieliczka läßt mit seinen vielen kleinen Kammern, riesigen (!) Hallen und Sälen, mit den Gängen und Fahrten und Treppen .... nicht nur Bergmannsseelen aufleuchten.

Reisender, kommst Du nach Polen, sieh zu, daß Du auch in Wielicka einen Halt machen kannst !

 

Ich gehe traurig aus der letzten Schicht. Bergbau war oft anstrengend, oft nicht ungefährlich, immer interessant, immer unmittelbar an der Natur (vor Ort ist der Bergmann stets der erste Mensch der Geschichte), immer an- und aufregend und überwiegend eine Sache, an die ein Mann sein Herz für einige Jahrzehnte hängen kann. Der Bergbau hat mir nicht nur ein akzeptables Einkommen und eine angenehme Altersversorgung eingebracht, sondern reichlich Erfahrungen und Wissen über viele Fakultätsgrenzen hinweg. Wer will, der richtet sich "bei uns" dort ein wo er sich wohl fühlt. Wer sich nach jeder neuen Erfahrung immer noch Neues zutraut, dem bietet der Bergbau Kurzweil, Ausbildung und spannende Begegnungen so viel er will.

Ich habe in "meinem" Unternehmen etwa alle 5 Jahre etwas völlig Neues probiert. Vom Grubensteiger über den Steiger im Tagesbetrieb (Stabsstelle), über den AT-Angestellten in einer technischen Fachabteilung im Konzern, über die Vertretung des Unternehmens gegenüber den Aufsichtsbehörden bis hin zur Gruppenleitung der Aus- und Vorrichtungstechnik des Konzerns und schließlich als technischer Berater und Unterstützung in der Aufbauorganisation unserer jungen Tochter Mining Solutions habe ich immer wieder neue und jeweils ganz andere Aufgaben und Verantwortungen übernommen. Langweilig war es mir im Beruf nur an wenigen Tagen.

Jetzt muß ich zuhause bleiben, noch nicht 57 Jahre alt, voller Kraft, Ideen und Erfahrungen. Wohin mit diesem Potential? Eine Antwort habe ich noch nicht. Vielleicht ist das irgendwann "Stoff" für eine separate Seite dieses Kapitels.

Grüß Gott und Glückauf
Friederich Prinz
November 2012